Ich bin als Trauerredner auf vielen Friedhöfen unterwegs. Und irgendwann…

Das Trauergespräch: Was Angehörige erwartet und warum es für die Trauerrede wichtig ist
Wenn ich zu einem Trauergespräch komme, liegt selten ein fertiger Lebenslauf auf dem Tisch. Wir treffen uns bei Ihnen Zuhause oder in der Wohnung des Menschen, der gestorben ist. Wenn etwas gebraucht wird, ist es dort oft griffbereit.
Manchmal gibt es ein paar Notizen. Vielleicht werden Jahreszahlen noch einmal nachgeschlagen. Ziemlich häufig fällt irgendwann der Satz: „Wo sollen wir eigentlich anfangen?“
Dann fangen wir einfach an. Ich stelle den Angehörigen meist am Anfang meine Art zu Reden vor, erkläre und bespreche den Aufbau um die dringensten Fragen zu beantworten.
Ein Trauergespräch ist keine Prüfung. Sie müssen sich darauf auch nicht besonders vorbereiten.
Mir ist etwas anderes wichtig: Sie sollen das Gefühl haben, einem Freund von dem Menschen zu erzählen, den Sie verloren haben.
Da müssen Sie sich nicht verstellen. Passende Sätze brauchen Sie sich vorher nicht zurechtzulegen. Ehrlich dürfen Sie ebenfalls sein.
Ich will nicht nur hören, was schön gewesen ist. Mich interessiert, wie dieser Mensch wirklich war.
Daraus entsteht später die Trauerrede.
Was ist ein Trauergespräch?
Das Trauergespräch findet vor der Trauerfeier statt.
Ich treffe mich mit den Angehörigen und wir sprechen über den Verstorbenen, sein Leben und den geplanten Abschied.
Natürlich brauche ich einige Lebensdaten. Wann wurde jemand geboren? Wo hat er gearbeitet? Wie haben sich zwei Menschen kennengelernt? Wann kamen die Kinder?
Mit Jahreszahlen allein lässt sich jedoch keine persönliche Trauerrede schreiben.
Entscheidend ist für mich, was hinter diesen Daten gewesen ist.
Wie war dieser Mensch?
Was hat zu ihm gehört?
Worüber konnte er lachen?
Was hat die Familie vielleicht manchmal genervt?
Welche Geschichte wird bis heute erzählt?
Manchmal bringt mir eine kleine Begebenheit jemanden näher als eine ganze Seite voller Lebensdaten.
Genau danach suche ich in unserem Gespräch.
Wenn noch nicht feststeht, welche Form der Abschied haben soll, sprechen wir darüber ebenfalls. Dabei kann auch die Frage eine Rolle spielen, ob es eine kirchliche oder freie Trauerfeier werden soll.
Ein Trauergespräch soll sich nicht wie ein Interview anfühlen
Ich komme nicht mit einem Fragebogen und hake Punkt für Punkt ab.
Natürlich habe ich Fragen im Kopf. Am Ende muss ich genug wissen, um die Rede schreiben und die Trauerfeier vorbereiten zu können.
Trotzdem darf unser Gespräch abschweifen.
Wir sprechen vielleicht gerade über die Arbeit und landen plötzlich beim ersten Auto. Jemand erinnert sich an einen Urlaub. Ein anderer wirft eine Geschichte ein, die seit Jahren keiner mehr erzählt hat.
Plötzlich lachen alle am Tisch.
Dann lasse ich diese Geschichte laufen.
Gerade in solchen Momenten erfahre ich oft sehr viel.
Ich höre zu. Fehlt mir etwas, frage ich nach. Spüre ich, dass hinter einem kurzen Satz mehr steckt, bleibe ich manchmal etwas länger bei diesem Thema. Manchmal erzähle ich auch persönliches von mir, um den Angehörigen eine Idee zu geben von dem, was sie mir erzählen können.
Nach und nach entsteht ein Gefühl dafür, wie dieser Mensch gewesen ist.
Darum geht es mir.
Wie lange dauert ein Trauergespräch?
Für ein persönliches Trauergespräch sollten Sie ungefähr zwei Stunden einplanen.
Manche Gespräche sind kürzer, andere brauchen etwas mehr Zeit.
Ständig auf die Uhr schaue ich dabei nicht.
Ist nach einer guten Stunde alles erzählt, muss niemand künstlich verlängern. Liegt nach zwei Stunden gerade eine wichtige Geschichte auf dem Tisch, breche ich selbstverständlich nicht mitten im Satz ab.
Es soll genug Zeit sein.
Mehr braucht es eigentlich nicht.
Muss ich mich auf das Trauergespräch vorbereiten?
Nein.
Einen Lebenslauf müssen Sie vorher nicht schreiben und Sie müssen auch kein Redemanuskript erarbeiten. Dafür bin ich da.
Sind wichtige Daten vorhanden, hilft das natürlich. Manche Familien notieren sich vor meinem Besuch ein paar Dinge, die auf keinen Fall vergessen werden sollen.
Andere haben gar nichts vorbereitet.
Beides funktioniert.
Ich frage nach, wenn mir etwas fehlt.
Oft fällt während des Gesprächs ohnehin viel mehr ein, als man vorher erwartet hatte.
Welche Fragen stellt ein Trauerredner?
Das hängt von dem Menschen ab, über den wir sprechen.
Mich interessiert beispielsweise, wie die Familie ihn beschreiben würde.
Was hat ihn ausgemacht?
Was war typisch?
Gab es einen Platz, an dem er besonders gern gewesen ist?
Welche Sätze hat man noch heute im Ohr?
Auch scheinbar nebensächliche Dinge können wichtig werden.
Vielleicht hat jemand jeden Morgen am selben Platz gesessen. Für einen anderen war der Garten sein Reich. Womöglich gab es eine Eigenheit, über die früher regelmäßig der Kopf geschüttelt wurde.
Heute muss man vielleicht lächeln, wenn man daran denkt.
Solche Kleinigkeiten gehören für mich zu einer persönlichen Rede.
Es reicht nicht, nur zu erzählen, was jemand in seinem Leben gemacht hat.
Am Ende soll spürbar werden, wie er gewesen ist. Mehr zu meinem Anspruch steht im Beitrag Wie sollte eine gute Trauerrede sein?
Warum ich Fotos erst am Ende anschaue
Eine kleine Marotte habe ich tatsächlich.
Zu Beginn eines Trauergesprächs möchte ich möglichst noch kein Foto des Verstorbenen sehen.
Das hat einen einfachen Grund.
Ich möchte mir zuerst selbst ein Bild machen. Während die Angehörigen erzählen, entsteht diese Person langsam in meinem Kopf.
Ich höre, wie sie gewesen ist. Was zu ihr gehört hat. Wie sie gesprochen hat. Worüber sie lachen konnte. Welche Eigenheiten die Familie mit ihr verbindet.
So lerne ich den Verstorbenen erst einmal auf meine Weise kennen.
Ein Foto würde mir gleich zu Beginn ein fertiges Bild geben. Genau das möchte ich vermeiden.
Erst gegen Ende des Gesprächs freue ich mich darauf, Bilder anzuschauen.
Dann sehe ich plötzlich das Gesicht zu all den Geschichten, die ich vorher gehört habe. Mein Bild im Kopf trifft auf den Menschen auf den Fotos.
Manchmal passt beides erstaunlich gut zusammen.
Vielleicht ist das wirklich nur eine kleine Marotte von mir.
Mir hilft sie aber dabei, möglichst unvoreingenommen zuzuhören und jemanden erst durch das kennenzulernen, was die Familie über ihn erzählt.
Wer sollte beim Trauergespräch dabei sein?
Das entscheidet die Familie.
Manchmal spreche ich mit einer einzelnen Person. Bei anderen Gesprächen sitzen mehrere Angehörige am Tisch.
Sind mehrere Menschen dabei, kommen oft ganz unterschiedliche Erinnerungen zusammen.
Eine Ehefrau hat ihren Mann anders erlebt als die Tochter. Ein Enkel erinnert sich wiederum an Dinge, die für andere kaum eine Rolle gespielt haben.
Das widerspricht sich nicht.
Schließlich erleben wir jemanden nie alle auf dieselbe Weise.
Gerade dadurch wird das Bild manchmal vollständiger.
Sie dürfen ehrlich sein
Dieser Punkt ist mir besonders wichtig.
Ein Trauergespräch ist kein Ort, an dem jemand plötzlich besser gemacht werden muss, als er gewesen ist.
Natürlich gab es Macken.
Vielleicht war jemand stur. Womöglich konnte er ziemlich laut werden. Innerhalb der Familie hat es Streit gegeben oder manche Dinge sind bis heute schwierig geblieben.
Darüber darf gesprochen werden.
Wenn ich jemanden verstehen will, kann ich nicht ausschließlich seine schönen Seiten kennen.
Das bedeutet nicht, dass später jede Geschichte in der Trauerhalle erzählt wird.
Eine Trauerrede ist schließlich genauso wenig der Ort, um alte Rechnungen zu begleichen.
Für manches schwierige Thema findet sich ein vorsichtiger Satz.
Anderes lassen wir ganz bewusst weg.
Trotzdem darf ich davon erfahren.
Was Sie mir erzählen, ist bei mir gut aufgehoben
Ein offenes Gespräch braucht Vertrauen.
Sie sollen bei mir das Gefühl haben: Ich kann erzählen, wie es wirklich gewesen ist.
Dabei müssen Sie nicht überlegen, ob morgen jede Einzelheit vor hundert Trauergästen wiederholt wird.
Nicht alles, was Sie mir anvertrauen, gehört später in die Rede.
Manches muss ich kennen, damit ich eine Situation überhaupt verstehe.
Vielleicht sagen Sie auch ganz ausdrücklich: „Das erzähle ich nur Ihnen.“
Dann bleibt es bei mir.
Das ist selbstverständlich.
Fehlt dieses Vertrauen, bleibt ein Gespräch schnell an der Oberfläche.
Dort möchte ich nicht bleiben.
Darf bei einem Trauergespräch geweint werden?
Natürlich.
Wir sprechen über jemanden, der fehlt.
Da fließen Tränen.
Fünf Minuten später kann eine alte Geschichte plötzlich ein Lachen auslösen.
Auch das gehört dazu.
Viele Angehörige haben mir nach solchen Gesprächen gesagt: „Das hat jetzt gutgetan.“
Vielleicht deshalb, weil man sich noch einmal gemeinsam erinnert hat.
Manchmal taucht dabei eine Geschichte wieder auf, an die lange keiner gedacht hatte.
Ein Trauergespräch ist keine Therapie und soll auch keine ersetzen.
Dieses gemeinsame Erinnern kann trotzdem etwas Besonderes sein.
Darf man bei einer Trauerrede auch lachen?
Ja.
Hat Humor zu einem Menschen gehört, sollte er nicht plötzlich aus seinem Leben verschwinden, nur weil wir Abschied nehmen.
Das heißt nicht, dass ich bei einer Trauerfeier Witze erzähle.
Löst eine Geschichte ein Lächeln aus, darf dieses Lächeln da sein. Warum Humor in der Trauerrede seinen Platz haben kann, habe ich ausführlicher beschrieben.
Manchmal passt es sogar genau in diesen Moment.
Deshalb spreche ich gern auch von einer Lebensrede statt Trauerrede.
Der Tod ist der Anlass, weshalb wir zusammenkommen.
Die Rede selbst erzählt jedoch vor allem von dem Leben davor.
Auch über die Musik sprechen wir
Musik gehört bei vielen Familien ganz selbstverständlich zur Trauerfeier.
Manchmal steht schon fest, welche Lieder gespielt werden sollen.
In anderen Fällen beginnt die Suche erst während unseres Gesprächs.
Dann interessiert mich nicht zuerst, welches Lied besonders traurig klingt.
Viel wichtiger ist: Was hat dieser Mensch gehört?
Welche Musik hat zu seinem Leben gehört?
Dadurch entsteht mitunter eine ganz andere Auswahl als bei den üblichen Trauerliedern. Mehr über die Auswahl steht im Beitrag Musik in der Trauerfeier.
Was passiert nach dem Trauergespräch?
Nach unserem Gespräch fahre ich mit meinen Notizen nach Hause.
Dann beginnt die eigentliche Arbeit an der Rede.
Zunächst sortiere ich das, was ich gehört habe.
Manche Sätze sind mir schon während unseres Treffens hängen geblieben. Bei anderen Dingen merke ich erst später, welche Bedeutung sie gehabt haben.
Mitunter begleitet mich bereits auf der Heimfahrt eine Geschichte.
Vielleicht wird daraus später der Anfang der Rede.
Ich schreibe keinen Lebenslauf, der lediglich in schönere Sätze verpackt wird.
Gesucht wird vielmehr der Mensch hinter diesen Daten.
Welche Geschichten erzählen wirklich etwas über ihn?
Welche Bilder sind geblieben?
Was zieht sich vielleicht durch sein ganzes Leben?
So ergibt sich manchmal ein roter Faden, den vorher noch niemand gesehen hat.
Die Rede verschicke ich vorher nicht
Diese Frage wird mir immer wieder gestellt.
Meine Trauerreden verschicke ich vor der Trauerfeier nicht.
Dafür gibt es das ausführliche Gespräch im Vorfeld.
Dort klären wir, was wichtig ist. Sie können sagen, was unbedingt vorkommen soll und welche Dinge nicht in die Rede gehören.
Der Text selbst ist für den Moment der Trauerfeier geschrieben.
Ich möchte, dass Sie ihn dort zum ersten Mal hören.
Vom Gespräch zur persönlichen Trauerrede
Mein Anspruch ist eigentlich recht einfach.
Stehe ich später vor der Familie, möchte ich nicht so klingen, als hätte ich zwei Tage vorher einen Lebenslauf zugeschickt bekommen.
Ich möchte so erzählen können, als hätte ich diesen Menschen ein Stück weit gekannt.
Natürlich kann ich nach zwei Stunden nicht wissen, wie es gewesen ist, vierzig Jahre mit jemandem verheiratet zu sein.
Das wäre vermessen.
Trotzdem kann ich zuhören.
Ich kann nachfragen und versuchen zu verstehen, warum genau dieser Mensch für seine Familie so wichtig gewesen ist.
Sagen Angehörige nach der Trauerfeier zu mir: „Es war, als hätten Sie ihn gekannt“, dann ist das für mich eines der schönsten Komplimente.
Meistens hat genau das beim Trauergespräch angefangen.
Häufige Fragen zum Trauergespräch
Das Trauergespräch ist das persönliche Gespräch zwischen Angehörigen und Trauerredner vor der Trauerfeier. Dabei geht es um den Verstorbenen und um die Gestaltung des Abschieds. Aus diesen Informationen entsteht später die Trauerrede.
Meist sollten Sie ungefähr zwei Stunden einplanen. Manche Gespräche sind kürzer, andere brauchen mehr Zeit.
Nein. Einen Lebenslauf müssen Sie vorher nicht schreiben. Sind Daten oder ein paar Notizen vorhanden, können sie hilfreich sein.
Es geht um den Lebensweg und vor allem darum, wie dieser Mensch gewesen ist. Gefragt wird nach persönlichen Erinnerungen, Eigenheiten und Dingen, die einfach zu ihm gehört haben.
Ich möchte mir während des Gesprächs zunächst ein eigenes Bild machen. Erst am Ende schaue ich mir gern Fotos an und vergleiche sie mit der Vorstellung, die während des Erzählens in meinem Kopf entstanden ist.
Das entscheidet die Familie. Ein solches Gespräch kann mit einer einzelnen Person stattfinden oder gemeinsam mit mehreren Angehörigen.
Ja. Sie dürfen ehrlich sein. Nicht alles, was Sie mir erzählen, erscheint später in der Trauerrede.
Ja. Informationen, die nicht für die Rede bestimmt sind, bleiben bei mir.
Ist ein persönliches Treffen nicht möglich, können wir auch telefonieren oder per Video miteinander sprechen. Wenn es sich einrichten lässt, bevorzuge ich das persönliche Gespräch. Mehr dazu steht im Beitrag Trauergespräch per Telefon oder Video.
Natürlich. Schließlich erinnern wir uns an einen Menschen und nicht ausschließlich an seinen Tod. Gerade die lustigen Geschichten gehören manchmal zu den schönsten Erinnerungen.
Bei mir nicht. Alle wichtigen Inhalte klären wir im Trauergespräch. Die Rede selbst ist für den Tag der Trauerfeier geschrieben.
Worte verbinden – im Abschied, im Neubeginn, im Leben.
